Lubor Fiedler Zauberei

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Im Jahr 2021 begann mein Lubor-Fiedler-Projekt mit einer Reihe von Fachartikeln in der Zeitschrift Magie. Drei Hefte lang erinnerten wir an Lubor Fiedler und feierten seine Leistungen für die Zauberkunst. Im Folgenden lesen Sie diese Texte in der damaligen Originalfassung.

Lubor Fiedler – erfinden um zu wachsen
Lubor Fiedler – erfinden um zu verstehen
Lubor Fiedler – erfinden um zu gestalten
In illustrer Runde
Ein Daniel Düsentrieb der Zauberkunst
Begegnungen mit Lubor Fiedler
Wie wir den Einsatz der Wiener Feuerwehr im letzten Augenblick verhindern konnten – und dennoch aus dem Lokal „flogen“ ...
Eine „Expedition“ zu Lubor Fiedler

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(Magie 7/21, Seite 350: „Ruhm, Ehre und dennoch unbeachtet“)

Lubor Fiedler – erfinden um zu wachsen



Franz Kaslatter

LUBOR FIEDLER (∗ 25.4.1933, † 3.9.2014) hob sich von anderen kreativen Zauberkünstlern durch seinen bewundernswerten Mut ab, als Erfinder tricktechnische Randbereiche zu betreten. An manchem Trickprinzip, das andere längst als aussichtslos aufgegeben hätten, arbeitete er mit unglaublicher Hartnäckigkeit, bis es schließlich doch ein brauchbares Zauberkunststück ergab, in vielen Fällen sogar ein geradezu geniales. Er stammte aus Brünn und emigrierte 1967 nach Österreich, wo er über 30 Jahre lang lebte, bevor er im Alter wieder in seine tschechische Heimatstadt zurückkehrte.
Seit langem sammle ich alles über LUBOR FIEDLER (siehe „www.luborfiedler.at“!) und vor einigen Jahren fand ich im Rahmen der systematischen Pflege meiner Sammlung zu meinem höchsten Erstaunen heraus, dass LUBOR FIEDLER trotz seines großen Ruhms zu Lebzeiten in der MZvD-Zeitschrift „Magie“ ausschließlich als gelegentliche Randnotiz vorkommt, meist wenn sich jemand mit seiner Bekanntschaft brüsten wollte, ihn (im Verlauf eines ganz anderen Themas) beiläufig positiv erwähnte, eines seiner Kunststücke abkupferte oder eine metaphorische Referenz für den typischen Erfinder von Zauberkunststücken brauchte. Der einzige Magie-Artikel in all den Jahren über LUBOR FIEDLER blieb bis heute sein Nachruf im Heft 10/2014 auf Seite 465, verfasst von JENS-UWE GÜNZEL, welcher pikanterweise feststellt: „Vor allem in den letzten Jahren wurde er von vielen magischen Vereinigungen auf der ganzen Welt mit Ehrungen und Auszeichnungen, sowie Ehrentiteln gewürdigt.“ Naja, außer vom MZvD, nicht wahr?
Aber kann das wirklich sein? Ich wollte es zunächst gar nicht glauben und hätte mich in dieser Sache wirklich gerne geirrt. Daher wandte ich mich an die Chefredakteurin MICHELLE SPILLNER in der Hoffnung, sie könne vielleicht ein vergessenes altes Magie-Heft aus ihrem Ärmel zaubern, das ein Lubor-Fiedler-Interview oder einen eigenen Bericht über ihn enthält, möglicherweise sogar mit ihm auf dem Titelbild. Zu meinem Verdruss hatte ich leider völlig recht: ein solches Magie-Heft gab es nicht. Nun musste ich also wohl oder übel dran glauben, und bevor ich diesbezüglich allzu sehr in Larmoyanz verfallen konnte, hatte MICHELLE mich schon dazu vergattert, eine Artikelserie über LUBOR FIEDLER zu schreiben. Mit anderen Worten: sie zauberte aus ihrem Ärmel geistesgegenwärtig einfach ein künftiges Heft – das Sie nun in Händen halten.
In dieser dreiteiligen Serie werde ich über LUBOR FIEDLER aus Respekt vor seiner Privatsphäre nur solche private Informationen veröffentlichen, die bereits anderweitig im Druck veröffentlicht wurden, und ich werde aus Respekt vor seinem geistigen Eigentum auch nicht den Schwerpunkt auf das Erklären seiner Zauberkunststücke legen. Worauf ich mich thematisch konzentrieren möchte, ist das Erfinden von Zauberkunststücken selbst. Dessen Sinn und Zweck, dessen Nutzen und Wert sowie dessen Herausforderungen und Grenzen möchte ich am Vorbild von LUBOR FIEDLER aufzeigen. Ich bin Ihnen verbunden, wenn Sie sich nicht damit aufhalten, mit welchen Worten ich mich dabei auszudrücke, sondern eher damit, was ich Ihnen zu sagen versuche.
Zum Beispiel ist es bei einer tricktechnischen Betrachtung zunächst unabdingbar, zwischen Trickprinzip, Trick, Kunststück und Routine deutlich zu unterscheiden, die im technischen Entwicklungsfortgang aufeinander aufbauen. Und hier stoßen Sie sich bitte nicht an meiner Terminologie, obzwar man genausogut andere Wörter für dieselben Begriffe verwenden könnte, wie etwa Prinzip, Wirkung, Anwendung und Vorführung, habe ich mich für die obigen entschieden. Bedenken Sie, dass wir uns hier mit einem derart wenig etablierten Thema beschäftigen, dass es z. B. im Wörterbuch der Zauberkunst (HUBERT WEDLER, 1990) gar nicht erst vorkommt. Wohlgemerkt: nicht etwa nur das Wort „Erfinden“, sondern das ganze Thema fehlt dort, und man sucht Wörter wie „Begabung, Einfall, Erfinder, Genie, Hochbegabung, Idee, Kreation, Kreativität, Patent, Plagiat, Schöpfer, Talent, Urheber“ in diesem offiziellen Zauberwortschatz völlig vergebens.
Worum es beim wirklichen Erfinden eigentlich geht, ist das Trickprinzip. MARK SETTEDUCATI, einer der besten Freunde von LUBOR FIEDLER, betont diesen sehr wichtigen Aspekt: „Die meisten Erfinder von Zauberkunststücken sind eigentlich gar keine Erfinder, ich selbst inbegriffen. Wir sind Konstrukteure. Wir nehmen bekannte Prinzipien und Ideen, setzen sie zusammen und machen ein Zauberkunststück daraus. Nur durch Zufall stolpern wir gelegentlich über ein neues Trickprinzip. Lubor ist der einzige Erfinder, der auf Verlangen neue Trickprinzipien erschaffen kann. Er hat neue Ideen oder nimmt ein Konzept, das nicht aus der Zauberkunst kommt, und erstellt daraus ein neues Trickprinzip. Lubor hat mehr als 70 neue Trickprinzipien hervorgebracht, mehr als jeder andere Erfinder von Zauberkunststücken, der jemals gelebt hat.“ (Genii, 3/2014, Seite 69) Man sollte also das Erfinden ganz klar vom Gestalten abgrenzen, auf das sich die meisten „Schöpfer“ von Zauberkunststücken beschränken und in deren Sphären aus triftigen Gründen die Ideenklau-Ausrede “… nichts Neues unter der Sonne“ kursiert. Dieses Sprichwort trifft jedoch nicht auf echte Erfinder zu, die per definitionem tatsächlich etwas Neues hervorbringen.
Ein neues Trickprinzip als solches zu vermarkten, noch dazu, wenn es patentrechtlich Stand der Technik ist, wäre geschäftlich ziemlich heikel. Daher verpackt man es üblicherweise in ein Kunststück, das ein neues, weniger strittiges geistiges Eigentum darstellt, mit dem gehandelt werden kann. Zwischen dem Trickprinzip und dem Kunststück steckt jedoch ein weiterer wesentlicher Entwicklungsschritt, der oft übersehen wird: der Trick. Für viele Zauberkünstler hat das Wort „Trick“ keine eigene Bedeutung, sondern sie verwenden es entweder als verkürztes Synonym für das Trickprinzip („der eigentliche Trick dahinter“) oder als flapsiges Synonym für das Kunststück („nun zu meinem nächsten Trick“).
Der Trick ist jedoch selbst keines von beiden, sondern vielmehr eine konkrete optionale Anwendung eines zugrundeliegenden Trickprinzips und ein wesentlicher optionaler Bestandteil eines Zauberkunststücks. Dasselbe Trickprinzip kann mehrere verschiedene Tricks ermöglichen, und auf demselben Trick kann eine unbegrenzte Anzahl verschiedener Kunststücke beruhen. Um ein Trickprinzip in seiner Funktion zu demonstrieren, braucht man einen Trick, der durch es ermöglicht wird. Um ein Trickprinzip zu verkaufen, gestaltet man meist ein Kunststück, das darauf beruht. Die eigentliche Arbeit eines Erfinders endet demnach spätestens mit dem fertigen Kunststück, ein „Schöpfer“ könnte darüberhinaus noch eine Routine erarbeiten.
Ein gutes Beispiel für diesen Entwicklungsaufbau ist „Fantastic Knot“ von PAVEL POMEZNY, unter wechselnden Produktnamen weltbekannt geworden durch DARYL MARTINEZ und heutzutage vermarktet von GREGORY WILSON. Die Routine besteht aus mehreren Kunststücken, eines davon ist die Wanderung des Knotens von einem Seil auf das andere. Dieses eine Kunststück wiederum beruht auf mehreren Tricks, einer davon ist das Verschwinden des Knotens vom ersten Seil, und dieser Trick wird ermöglicht durch das Trickprinzip des Scheinknotens, das in einer zauberkünstlerischen Anwendung der Luftmasche besteht, wie man sie vom Häkeln kennt. Ich hoffe, ich konnte mit meinen bisherigen Ausführungen ausreichend deutlich machen, dass der eigentliche Sinn und Zweck des Erfindens darin besteht, neue Trickprinzipien zu liefern zur Erweiterung des Repertoires an Tricks zwecks Gestaltung neuer Kunststücke und Routinen.
Als Beispiel für den kompletten Entwicklungsaufbau habe ich gerade ein PAVEL-Kunststück bevorzugt, weil das reichhaltige Schaffen von LUBOR FIEDLER meist ausschließlich die grundlegend wichtigen ersten beiden Phasen betrifft, wo er mit seinem Genie genau zuhause war und uns seine wundervollsten Erfindungen bescherte. Umso lästiger fiel ihm die kommerzielle Notwendigkeit, über diesen Entwicklungsfortgang hinaus seine Erfindungen zu Produkten zu machen, wie er unter der Überschrift „Die Gedankenwelt eines Zaubertrick-Erfinders“ im Aladin 1/1998 auf Seite 14 recht nachdrücklich andeutet: „Stellen Sie sich einen Musikkomponisten vor, der sich eine Schallplattenpresse (Spritzgussmaschine!) kauft, Schallplatten mit seiner Musik selbst produziert und diese dann auf dem Markt anbietet, damit er an sein Geld herankommt. Würden Sie ihn bedauern? Kommt Ihnen das seltsam vor? Nun, dieser Fall ist nur erfunden, aber – in der magischen Branche haben wir etwas Ähnliches! Die absolute Mehrheit der Zaubertrick-Erfinder muss ihre Erfindungen selbst produzieren und verkaufen, wenn sie davon leben muss. Anders formuliert, sie müssen zumindest auch die Betreiber einer Produktionsfirma sein, und es bleibt ihnen in der Folge wenig Zeit für Erfindertätigkeit. Ein Teufelskreis! (…) Dass ich selbst diesem Dilemma vielleicht doch entkommen konnte, verdanke ich dem New Yorker Mark Setteducati …“
1990 knüpfte MARK SETTEDUCATI als langjähriger Bewunderer den persönlichen Kontakt mit LUBOR FIEDLER, woraus sich rasch eine enge Freundschaft und kreative Partnerschaft entwickelte. Die folgenden Zitate stammen alle aus der Zeitschrift Genii (Heft 3/2014, Seite 72 und folgende), wo MARK SETTEDUCATI erzählt: „Als ich ihn traf, verbrachte Lubor ungefähr 80% seiner Zeit damit, in österreichischen Schulen und Ferienorten aufzutreten sowie seine Kunststücke herzustellen und zu verkaufen, und nur 20% mit dem Erfinden. Ich fand das echt absurd. Mit seinem Erfindergeist sollte er seine ganze Zeit mit Erfinden verbringen.“ MARK SETTEDUCATI kannte sich im Spielzeug- und Zauberkastengewerbe gut aus, machte LUBOR FIEDLER mit der Firma Tenyo bekannt und beriet ihn, welche Art von Zauberkunststücken er erfinden sollte, damit sie für Tenyo in Frage kommen.
Diesen arbeitsaufwendigen gemeinsamen Prozess beschreibt LUBOR FIEDLER etwas überspitzt: „Er sagt mir immer ‚Nein‘. Keine Chemikalien, keine Elektronik, keine Flüssigkeiten, keine Verbrauchsrequisiten, keine Spielkarten – davon gibt es schon zu viele – nichts, das nur im Fernsehen funktioniert, keine Fingerfertigkeit, keine komplizierten Abläufe, keine gefährlichen Blickwinkel. Was bleibt da noch übrig?“ Die Antwort ist inzwischen bereits Tenyo-Zaubergeschichte: Parabox (1993), Invisible Zone (1995), Krazy Keys (1996), Impossible Pen (1997), Antigravity Rock (1998), Phantom Clock (1999), Blue Crystal (2000), 4-D Surprise (2010), The Third Eye (2011), Flying Carpet (2011), Card Surgery (2012), Ghost Card (2013) und Security Lock (2014).
Obwohl ein Trickprinzip in seiner Funktion nur über ein Kunststück demonstriert werden kann und die meisten Erfinder aus den genannten Gründen nur über Kunststücke kommunizieren, ist die eigentliche Leistung des wirklichen Erfinders das Trickprinzip. Eine Mehrheit von Zauberkünstlern tun dennoch so, als würden sie beim Bewerten von Erfindungen vor lauter Wald die Bäume nicht sehen: sie sind relativ blind für die Wichtigkeit der Tatsache, dass ein Zauberkunststück unter anderem aus Trickprinzipien und Tricks besteht, und sie bewerten aus praktischen Gründen meist nur die Brauchbarkeit von fertigen Kunststücken sowie den Spaßfaktor des Trickgeheimnisses, nicht aber ein „unfertiges Kunststück“, als das ein Trickprinzip in ihren Augen erscheint. Daher entsteht und bemisst sich der kommerzielle und soziale Erfolg des Erfinders fast ausschließlich über die Gestaltung neuer Kunststücke, wie ich es Ihnen gerade beispielhaft anhand der Tenyo-Produkte von LUBOR FIEDLER aufgelistet habe.
Als Sinn und Zweck des Erfindens habe ich Ihnen jedoch das Hervorbringen neuer Trickprinzipien genannt und auf den grundlegenden Unterschied hingewiesen zu den dadurch ermöglichten Tricks und den darauf beruhenden Kunststücken. Es ist so, als ob die meisten in ihrem möglicherweise philosophisch halbvollen Trinkglas nur Wasser wahrhaben wollen, ohne sich darum zu scheren, dass Trinkwasser aus unterschiedlichen Molekülen besteht und diese aus Atomen und diese aus Elementarteilchen usw. Wenn sie ihr Wasser trinken, dann trinken sie neben und mit den Wassermolekülen auch Kohlensäure, Karbonate oder Sulfate sowie Atome wie Kalzium, Magnesium, Natrium, Sauerstoff, Wasserstoff sowie deren Elementarteilchen. Ich möchte mit diesem Vergleich nicht etwa bestreiten, dass Wasser auch ohne Teilchenphysik erfrischt und den Durst löscht, sondern über diese rein praktische und lustbetonte Bewertung hinaus darauf hinweisen, dass Sie bereit sein müssen, bei einem Zauberkunststück unter die Entwicklungsebene des Kunststücks zu blicken, damit Sie in der Lage sind, die eigentliche Leistung eines Erfinders wahrzunehmen und wertzuschätzen.

Lubor Fiedler räumt die Wohnung auf und findet dort ein Trickprinzip
Die Eingebung zu einer seiner berühmtesten Erfindungen hatte LUBOR FIEDLER im Alter von 33 Jahren, während er versuchte, in seiner kleinen Wohnung in Brünn etwas mehr Platz zu schaffen. Ihm fiel auf, dass zwei völlig gleich große Schachteln (wenn sie die entsprechenden Proportionen besitzen) tatsächlich ineinandergestapelt werden können, und es war ihm sofort klar, dass dieses Trickprinzip den Trick ermöglicht, die Schachteln auch andersherum zu stapeln, mit der scheinbar größeren Schachtel innen. Auf diesem Trick – sowie auf einer tricktechnisch besonders geeigneten optischen Gestaltung der Schachteln – beruht sein Kunststück „Lubor's Die“, das die Supreme Magic Company herausbrachte, nachdem dieses Kunststück 1970 auf dem FISM-Kongress in Amsterdam eine Sensation verursacht und LUBOR FIEDLER weltberühmt gemacht hatte. Um Verwechslungen zu vermeiden, nachdem viele Fans den Namen „Lubor-Würfel“ auch für LUBOR FIEDLERs „Automat 2“-Würfel verwendeten, wird dieser mittlerweile als „Die-a-Bolic“ vermarktet und das Kunststück mit den Schachteln inzwischen meist als „Gozinta Box“ bezeichnet. Unter dem Namen „Parabox“ (Produktnummer T-161) verkörpert dasselbe Kunststück den Beginn einer glücklichen Zusammenarbeit mit Tenyo.
LUBOR FIEDLER erntete Ehre und Ruhm als Erfinder, aber nur in Ausnahmefällen eine materielle Vergütung. Fast unüberschaubar ist inzwischen die Vielzahl unterschiedlicher Gozinta-Schachteln, z. B. auch die „In-n-Outer Box“ von Royal Magic (1981) oder die „In & Out Boxes“ der Firma Empire (2005). Das Trickprinzip der Gozinta-Schachteln ermöglichte anderen Zauberkünstlern noch weitere Tricks, auf denen neue Kunststücke beruhen, wie z. B. der „Driebeck Die“, den BOB DRIEBEEK 1975 über KEN BROOKE vermarktete, eine Großillusion von Dick Zimmerman, die DOUG HENNING 1981 mit RICKY SCHRÖDER und MARIE OSMOND im Fernsehen vorführte, oder die Kartenroutine „My Mind Box“ von KENTON KNEPPER aus dem Jahr 2006. Ein sehr interessantes E-Book mit dem Titel „The Box Goes-In-Da Box“ veröffentlichte PETER PREVOS im Jahr 2016.
So wie eine Gozinta-Schachtel scheinbar ein wenig für uns wächst, wenn wir das brauchen, so wächst mit jedem neuen Trickprinzip, das uns zur Verfügung steht, wenn wir es brauchen, tatsächlich die Zauberkunst – und LUBOR FIEDLER trug dazu ein großes Stück bei.

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(Magie 8+9/21, Seite 434: „Die unsichtbare Wirkungswelt des kreativen Geistes“)

Lubor Fiedler – erfinden um zu verstehen



Franz Kaslatter

In Österreich wird mit dem Schutz von Berufsbezeichnungen im offiziellen Sprachgebrauch strenger umgegangen als in Deutschland. Es darf sich bei uns beispielsweise nicht jeder, der einmal auf eine Bühne gekraxelt ist, ernsthaft „Schauspieler“ nennen, sondern nur, wer eine entsprechende Ausbildung mit Diplom abgeschlossen hat. Ebensowenig ist über den bildlichen Vergleich hinaus bereits ein begeisterter „Sänger“, wer gerne einmal unter der Dusche ein Liedchen trällert, ein begnadeter „Koch“, wer eigenhändig Essen zuzubereiten vermag oder ein leidenschaftlicher „Tänzer“, wer gerne einmal das Tanzbein schwingt. Nur deshalb nenne ich LUBOR FIEDLER keinen Forscher, und er selbst hat großteils ebenfalls darauf verzichtet.
Dennoch lässt er z. B. in „Magische Fantasien“ (1978) auf Seite 86 durchblicken: „Daß die Magie nicht nur Kunst, Unterhaltung oder Hobby, sondern auch Wissenschaft ist, bedarf in Magierkreisen keiner weiteren Begründung.“ Und dort auf Seite 90 rutscht es ihm sogar wörtlich heraus, was in all seinen Schriften nur sehr selten vorkommt: „Folgende Idee gehört auch in das Gebiet meiner Forschungen, …“ LUBOR FIEDLER untersuchte systematisch die Eignung neuer wissenschaftlicher und technischer Entwicklungen auf deren jeweiliges Potential als Trickprinzip. Er betrieb für zahlreiche Erfindungen intensive Versuchsreihen, um ideale Zeitabläufe, Dosierungen, Kräfteverhältnisse und Stoffzusammensetzungen zu erkunden und deren Optionen und Gesetzmäßigkeiten besser zu verstehen, was allerdings bei der Vermarktung solcher Kunststücke nicht automatisch bedeutete, dass sich dieses Verstehen beim Kauf ohne wesentliche Informationseinbußen auf die Kunden übertrug, die meinten, sie müssten die Anleitung nicht so genau lesen.
Ein gutes Beispiel dafür ist LUBOR FIEDLERs „Fingerblitz“, auch bekannt unter den Namen „Pyroflash“, „Handblitz“ und „Knall-Blitz-Pulver“. Dabei handelt es sich um einen Spezialeffekt, der mit einem Schnipsen in der bloßen Hand einen Knall, einen Blitz und etwas Rauch produziert. Wichtig ist, dass man von den benötigten Chemikalien nur sehr wenig verwendet, dass man für trockene Finger sorgt und dass man nach dem Schnipsen die Finger nicht auf dem Daumenballen ausruht, sondern sofort wieder streckt, damit die Explosion nicht in der Faust, sondern möglichst in der Luft stattfindet. Als LUBOR FIEDLER 1981 mit seinem Seminar die USA bereiste, stellte er dort auch den Fingerblitz vor. MAX MAVEN erinnert sich an dieses Seminar im Magic Castle:
„Der ‚Palace of Mystery‘ war gestopft voll. In der ersten Hälfte zeigte Lubor Fiedler unter anderem eine Methode zur Erzeugung eines Lichtblitzes und eines Geräusches in der offensichtlich leeren Hand. Man brauchte dafür zwei pulverförmige Chemikalien und musste ein bisschen von der einen auf den Daumen schmieren und ein klein wenig von der anderen auf den Zeigefinger. Im Grunde hatte man dadurch seine Finger in ein Zündholz und eine Reibfläche umfunktioniert. Sobald man mit den Fingern schnippte, zündeten die Pulver eine kleine Explosion, die fantastisch aussah und klang – eine ganz tolle Sache in fast jeder Routine, um den magischen Moment zu betonen. Die Pulver konnte man bei Lubor kaufen, in zwei kleinen Plastiksäckchen, die auf einem Kartonstück befestigt waren. Sobald die Pause anfing, rannten die meisten Teilnehmer zu den Verkaufstischen, um etwas davon zu kaufen. Und als die Pause vorbei war, also 20 Minuten später, war der ganze Zuschauerraum erfüllt mit leisem Gewimmer, denn fast jeder Käufer hatte es geschafft, sich zu verbrennen.“ (Genii, Heft 3/2014, Seite 71)
Im Jahr 1978 fand man in einschlägigen Zauberzeitschriften ganzseitige Inserate, in denen das damals frisch erschienene Buch „Magische Fantasien“ (1978, 94 Seiten) mit folgenden Worten angepriesen wurde: „HANNS FRIEDRICH: „Magische Fantasien“ das Lebenswerk von LUBOR FIEDLER. Kurz vor dem Tode von HANNS FRIEDRICH von diesem fertiggestellt, doch erst heute freigegeben.“
Bemerkenswert ist das Wort Lebenswerk in diesem Zusammenhang, denn LUBOR FIEDLER stand damals ja nicht etwa am Ende, sondern in der zweiten Blüte seines Schaffens. Zum Beleg für „derartige Inspirationen und Magierfantasien“ (siehe unten!) finden sich in „Magische Fantasien“ die Kunststücke „Ein Haus verschwindet“ (Seite 18), „Face Change“ (Seite 28) und „Trance Spiegel“ (Seite 66). LUBOR FIEDLER hatte freilich zu diesem Zeitpunkt bereits so viel erfunden, wie es dem üblichen Lebenswerk eines sehr produktiven Erfinders entspricht, sodass man seine Leistung vom Umfang her wohl schon als Lebenswerk und dieses Wort als Mengenangabe betrachten mochte. Deshalb konnte man sich möglicherweise auch gar nicht vorstellen, dass ein Großteil seiner Erfindungen erst noch folgen sollte. Aus diesen und anderen Gründen war der Anspruch, mit „Magische Fantasien“ ein Gesamtwerk zu veröffentlichen, möglicherweise zu hoch. STEFAN SIMEK meint z. B. in seinem Vorwort auf Seite 7: „Nun habe ich die Ehre, Ihnen, liebe Leser, zum ersten Mal ein vollständiges Werk der Ideen des magischen Genies Lubor Fiedler vorzustellen. Fiedlers ‚Magische Fantasien‘ geben somit einen relativen Gesamtüberblick über das Schaffen des ‚Magic Inventor‘.“ Aus heutiger Sicht liegt in diesem Zitat die Betonung fast ausschließlich auf dem Wort relativ, denn interessanterweise unterschlägt SIMEK vollkommen „Neue Magische Ideen“ (1962, 38 Seiten), die erste Hauptveröffentlichung von LUBOR FIEDLER.
Der Versuch, ein Gesamtwerk herauszugeben, gestaltete sich auch noch 36 Jahre später schwieriger als erwartet. RICHARD KAUFMAN verschrieb sich dem lobenswerten Projekt, LUBOR FIEDLERs Vermächtnis für die Nachwelt zu dokumentieren, und verkündete, dass er gerade ein umfangreiches Lubor-Fiedler-Buch fertigstellt, das dessen sämtliche bisherige Ideen in einem Band zusammenfasst: „Das Buch wird so ziemlich alles enthalten, was Lubor im Laufe der Jahre veröffentlicht hat. Alle deutschsprachigen Texte wurden übersetzt, sodass es jetzt nur noch eine Frage des Layouts ist und des Hinzufügens seines neuen Materials.“ (Genii, 3/2014, Seite 76) Das war vor sieben Jahren. Während die Bewunderer von LUBOR FIEDLER weiterhin voller Vorfreude auf die angekündigte Veröffentlichung warten, hat RICHARD KAUFMAN nach dem zwischenzeitlichen Tod von LUBOR FIEDLER das Interesse an dem Projekt verloren und es CHRIS WASSHUBER überlassen, der nun an der Fertigstellung des langersehnten Lubor-Fiedler-Buches arbeitet.
Zwei Jahre nach „Magische Fantasien“ vollendete LUBOR FIEDLER seine Trilogie mit „Lubor Fiedler dreht durch“ (1980, 104 Seiten). Diese genannten drei Veröffentlichungen würde ich zwar als sein literarisches Hauptwerk bezeichnen, jedoch stellen sie bei weitem nicht sein Gesamtwerk dar, denn es existieren noch eine Reihe von Zeitschriftenbeiträgen, Seminarheften und andere Schriften. In „Lubor Fiedler dreht durch“ nutzt LUBOR FIEDLER seiner geneigten Leserschaft gegenüber ganz bewusst sein Alleinstellungsmerkmal als kreatives Genie und spricht auf Seite 7 deutlich an, dass er mit einigen seiner Erfindungen Impulse für die Zukunft geben möchte: „Für jene Zauberfreunde, welche mein Buch „Magische Fantasien“ am Nachttisch liegen haben und jeden Abend ein Kapitel daraus wie aus einem Roman lesen, weil dieses Buch einige Beiträge enthält, die der Täuschungskünstler im Normalfall kaum vorführen würde, habe ich auch in diesem Buch neue derartige ‚Inspirationen‘ und ‚Magierfantasien‘ vorbereitet. Diese Beiträge enthalten trotz dem teilweise fantastischen Thema wichtige Denkanstöße, die die Täuschungskunst vorantreiben, und so hoffe ich, daß sie auch diesmal die oft zitierte gleichbleibende Faszination aufweisen! “ LUBOR FIEDLER bezieht sich dabei auf „Frankensteins Mord auf offener Bühne“ (Seite 93), „Privat-U-Bahn des Zauberers“ (Seite 99) und „Dinge, die gegen den eigenen Willen verschwinden“ (Seite 88).
Bevor wir uns dem letztgenannten Text genauer widmen, lassen Sie uns kurz das Motiv „gegen den eigenen Willen verschwinden“ auf LUBOR FIEDLER selbst anwenden: In der Literatur sind immer wieder Hinweise auf seinen jeweiligen Wohnsitz zu finden. MICHAEL HITZEL schreibt z. B. in seiner „Lubor Fiedler Nachlese“ (1978) auf Seite 1: „In den Jahren 1969 - 1974 lebte Lubor Fiedler in Salzburg.“ Oder im Aladin 1/1998, Seite 12, steht unter der Überschrift „Schritte aus der Dunkelheit“ die Notiz: „1967 Emigration nach Österreich“ . Mehrere solche Literaturstellen habe ich zu einem groben Überblick über die hauptsächlichen Aufenthaltsorte von LUBOR FIEDLER zusammengefasst. Ich gehe davon aus, dass diese Zeittafel nicht nur lückenhaft, sondern womöglich auch noch fehlerhaft ist, und bin daher über ergänzende Hinweise immer dankbar.
1933 - 1958 Brünn
1958 - 1960 Karwin
1960 - 1967 Brünn
1967 - 1969 Wien
1969 - 1974 Salzburg
1974 - 2000 Spittal an der Drau
2000 - 2014 Brünn

Lubor Fiedler verliert ein Kartenkunststück und gewinnt eine Erkenntnis
Unter der Überschrift „Dinge, die gegen den eigenen Willen verschwinden“ schildert LUBOR FIEDLER auf Seite 88 in „Lubor Fiedler dreht durch“ (1980) unbeabsichtigte Selbsttäuschungen und weist auf deren Wert zur Entdeckung neuer Tricktechniken hin: „Wenn es im Leben passiert, daß man vor einem Rätsel steht, sind wir oft in der Nähe eines Prinzips, das man vielleicht für unsere liebe Zauberei verwenden könnte. Sicher ist es Ihnen schon passiert, daß Sie z. B. plötzlich in Ihrer eigenen Wohnung eine Kleinigkeit suchen, die Ihnen abhandengekommen ist, und Sie diese nicht mehr finden können. Das Verschwinden- oder Erscheinenlassen, das ist das tägliche Brot jedes Zauberers. Meistens findet man den Gegenstand später wieder, während man etwas anders sucht, und stellt fest, daß dieses Prinzip nicht zu gebrauchen ist. Aber es gibt Fälle, bei welchen man sehr nachdenklich wird und fast an Geister glauben will.“
Als ein Beispiel dafür beschreibt LUBOR FIEDLER das zunächst unerklärliche Verschwinden eines neuentwickelten Kartenkunststücks, das er auf der Ablage vor dem Spiegel gelassen hatte und dort wenig später nicht mehr vorfand. Nach erfolgloser äußerst gründlicher Suche und etlichen fruchtlosen Verdächtigungen erwischte er einige Zeit später beim Nachhausekommen seine Taube dabei, wie sie rasch vom Spiegel auf den Schrank flog, auf dem sie in seiner Anwesenheit meistens saß. Offenbar unternahm sie immer, wenn er den Raum verließ, kurze Flüge vom Schrank zum Spiegel, und jetzt drängte sich die Vermutung auf, dass vielleicht der Luftzug ihres Flügelschlags das Kartenpäckchen hinuntergeworfen hatte. Darunter stand rein zufällig der Papierkorb, den er noch nicht durchsucht hatte, da er ein eigenes Kunststück niemals selbst wegwerfen würde … Was andere in einer solchen Situation mit einem erleichterten „Zefix! “ abtun würden, nahm LUBOR FIEDLER zum Anlass, die erfahrene Täuschung ausführlich zu analysieren und deren Ablauf akribisch zu studieren, in der Absicht, darin möglicherweise ein neues Trickprinzip zu entdecken.
Diese gründliche Vorgehensweise haben einzelne berühmte Kreative in der Vergangenheit bereits sehr treffend formuliert. In &lbdquo;Zaubereien mit Pfiff – ohne Griff“ (1993) erklärt FRANZ BRAUN auf Seite 7 sein Motto: „Man kann aus allem etwas machen. “, und es erinnert frappant an das berühmte Zitat von DAI VERNON: „Never stop thinking. “ Wer den Rat der beiden befolgt, alles wertschätzt und niemals aufhört, über Verbesserungen nachzudenken, kann aus nichts etwas und aus etwas ein Meisterwerk machen.
Aber was bedeutet das konkret, „etwas machen“ und „über Verbesserungen nachzudenken“? Es bedeutet die Herausforderung, sich wachsend im Strom der Möglichkeiten zu orientieren und dessen vielfältigen Verlauf ausreichend zu verstehen, um einige dieser Möglichkeiten weiterzugestalten. Beispielsweise das springende Gummiband von STANLEY COLLINS („The Magician Monthly“, Heft 8/1911, Seite 10) kennt heute jeder als einen alten Hut – der nicht die unglaubliche Routine „TRU“ von MENNY LINDENFELD gesehen hat. Leider wurde diese Sternstunde der Kunststücksentwicklung bisher lediglich als Video verbreitet und noch nicht im Druck veröffentlicht.
Für solche Sternstunden lebte LUBOR FIEDLER, und er war ein extremer Non-Stop-Denker. Neben der Welt, wie sie ist, nahm er eine zweite Welt wahr, die aus Möglichkeiten von Möglichkeiten bestand, nahezu alles als Trickprinzip zu verstehen. Diese visionäre Superkraft, der er seinen Weltruhm als Genie verdankt, war für ihn allerdings nicht nur lustig, sondern verlangte ihm sowohl körperlich als auch seelisch einiges ab, worauf wir im folgenden dritten Teil dieser Serie noch zu sprechen kommen werden.
Die freudige Herausforderung des Erfindens stößt erst dort an Grenzen, wo die notwendigen persönlichen Ressourcen irgendwann zur Neige gehen: Gesundheit, Sicherheit, Freiheit, Begeisterung, Zuversicht usw. In der Praxis weitaus enger sind die Grenzen, die weniger erfreuliche Herausforderungen stecken, wie z. B. die Kommerzialisierung des gewonnenen geistigen Eigentums, das Ringen um soziale und künstlerische Anerkennung, der Umgang mit unsichtbaren Anfeindungen und unabsehbaren Enttäuschungen. Obzwar er stets freundlich, bescheiden und lustig auftrat, war LUBOR FIEDLER bei neidischen Zauberkollegen unbeliebt aufgrund seiner überragenden Kreativität und geschäftlichen Unabhängigkeit. Er hatte scheinbar nichts, womit man ihn gängeln konnte. So wurde dieser umgängliche und besonnene Mensch hinter seinem Rücken von seinen angeblichen Freunden gerne als verrückter Professor abgestempelt und bis über seinen Tod hinaus immer wieder dieselbe Anekdote herausgekramt, wie er sich als Flüchtling in Wien mit exzentrischem Klavierspiel in einem Kaffeehaus durchbringen musste: „Er hatte unter anderem eine Hupe am Klavier befestigt …“ – in dem verfehlten Dünkel, dies wäre ein immerwährender Statusverlust, dass er dort für ein Trinkgeld arbeiten musste, während seine überheblichen Nennfreunde ihren Kaffee schlürften.
Im Kontrast zu solch eng begrenzter Gunst schildere ich Ihnen abschließend ein konkretes Beispiel für die nahezu unbegrenzte freudige Herausforderung des Erfindens sowie für das typische Vorgehen von LUBOR FIEDLER nach den Erfinder-Grundsätzen „Man kann aus allem etwas machen“ und „Never stop thinking“. Auf der Suche nach einer neuen Idee für Tenyo, bei der ein normaler Alltagsgegenstand verwendet werden sollte, entschied sich LUBOR FIEDLER für einen Kugelschreiber und nahm als Ausgangspunkt das Zauberstabkunststück „The Penetrative Wand“ (Tarbell-Kurs Band 2, 1927, Lektion 21, Seite 67). Darauf aufbauend arbeitete er an einem Durchdringungseffekt, bei dem der Kugelschreiber durch einen anderen Gegenstand schmilzt. Als Nächstes entwickelte er die Idee, die Spitze des Kugelschreibers auf der anderen Seite des Kästchens herausschauen zu lassen, und näherte sich damit bereits der Form, die das Kunststück dann bei seiner Veröffentlichung im Jahr 1995 hatte. Das Motiv der Unsichtbarkeit faszinierte LUBOR FIEDLER sehr, daher änderte er schließlich das Thema des Kunststücks von einer Durchdringungszone zu einer Unsichtbarkeitszone.
Das Trickprinzip der Stützspange, das er für „Invisible Zone“ neu entwickelt hatte, verwendete LUBOR FIEDLER später ebenfalls in seinen Kunststücken „Phantom Clock“ (1999) und „Ghost Corner“ (2014), wenn auch dort jeweils auf eine völlig andere Weise. Das Trickthema, die Mitte eines Kugelschreibers unsichtbar zu machen, war damals absolut neu und wurde erfolgreich im neuen Jahrtausend mit „Reality Twister“ (2002) und „Lubors Lens“ (2011) wiederaufgenommen. Aber das Originellste an „Invisible Zone“ ist die Sprungfeder, die völlig unerwartet in dem Kästchen zum Vorschein kommt. Sie verstärkt nicht nur die Wirkung der Unsichtbarkeitsillusion, sondern dient auch als psychologische Ablenkung, weil der Zuschauer natürlich glaubt, diese Sprungfeder sei irgendwie ein technisch notwendiger Bestandteil des Geräts.
Genauso unsichtbar wie eine „Invisible Zone“ ist für uns meist die Wirkungswelt der Erfinder, durchzogen von Möglichkeitsströmen voller Potentiale und Optionen. LUBOR FIEDLER hat die Herausforderung gemeistert, diese Welt zu verstehen und hat uns von dort einen reichen Schatz an Trickprinzipien in die engen Grenzen unserer praktischen Wirklichkeit geholt.

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(Magie 10/21, Seite 502: „Trickprinzipien sind eigenständige Kunstwerke“)

Lubor Fiedler – erfinden um zu gestalten



Franz Kaslatter

Neben wünschenswerten weiteren künstlerischen Leistungen wie z. B. Requisitenbau und Inszenierung verschmelzen in einer Zaubervorführung notwendig mindestens drei unterschiedliche Kunstwerke: die Erfindung, die Routine und die Darstellung. Für die Darstellung sollte der darstellende Künstler Applaus bekommen, für die Routine der Schöpfer Ruhm. Aber was sollte der Erfinder des Trickprinzips bekommen, auf dem das alles beruht? Die Routine, die Darstellung, das Requisit, die Inszenierung usw. – all diese Kunstwerke konnten ja erst aufgrund der Erfindung gestaltet werden, des grundlegenden Kunstwerks jedes Zauberkunststücks. Dieser Frage weichen die meisten Zauberkünstler am liebsten weiträumig aus und halten sich dabei für so schlau, als hätten sie sich gerade erfolgreich vor dem Fernsehgebühreneintreiber versteckt. Und wenn sie einmal nicht ausweichen können? Dann passiert zum Beispiel Folgendes:
Am 16. Juli 2016 sitzt eine erlesene Auswahl von Zauberkünstlern im Hörsaal des Hamburger Museums für Völkerkunde, um das 65-jährige Bestehen der Zeitschrift „Magische Welt“ zu feiern. WITTUS WITT moderiert eine rege Podiumsdiskussion zum Thema „Zauberkunst: gestern und morgen“, als sich aus dem Publikum(!) FLIP HALLEMA zu Wort meldet und das Thema Erfinden zur Sprache bringt, das seiner schmerzlichen Erfahrung nach regelmäßig ignoriert wird, wenn Zauberkünstler sich über ihre Kunst austauschen. Er hatte am Vortag ein Seminar und am selben Tag einen Vortrag zu dem Thema gehalten und bringt nun mit großer Leidenschaft seinen Wunsch zum Ausdruck, dass in der Zauberszene doch bitte auch einmal miteinander über die Erfinder geredet wird. Kein einziger der hochkarätigen Anwesenden will ihm jedoch den Gefallen tun, sich dazu zu äußern, bevor die allgemeine Schreckstarre vorüber ist und der nächste Diskussionsteilnehmer rasch das Thema wechselt. Aber vorher bekam FLIP noch einen ganz großen Applaus.
Wohlgemerkt: er wollte gar nichts anderes als in der denkbar geeignetsten Diskussionsrunde einen offenen Meinungsaustausch über das Erfinden – und das war ganz eindeutig zu viel verlangt. Warum habe ich mich in dieser Situation nicht zu Wort gemeldet? Nun, ich war unter anderem mit dem Auftrag dort, einen Bericht für den Aladin zu verfassen und knipste gerade ein paar unscharfe 3D-Fotos von FLIP, wie er sich über die Brüstung seiner Bankreihe nach vorne lehnt und weit mit den Armen ausgreift in der Bemühung, die Zauberkollegen mit seinem Anliegen zu erreichen. Fragen Sie mich nicht, warum all die anderen einfach stumm dasaßen, aber ich bin überzeugt, die haben ebenfalls eine gute Ausrede.
LUBOR FIEDLER hätte FLIP vermutlich Recht gegeben, auch wenn er sich selbst womöglich nicht derart spontan in der Öffentlichkeit geäußert hätte. Rhetorik war keine von LUBOR FIEDLERs Stärken, erst recht auf Deutsch, und man hatte immer wieder den Eindruck, es war ihm im Grunde unangenehm, sich zu verkaufen. Diesen Umstand thematisiert er im Aladin 1/1998 auf Seite 14 unter der Überschrift „Die Gedankenwelt eines Zaubertrick-Erfinders“: „Zaubertrick-Erfinder sind keine Meinungsmacher – meistens sprechen sie zur magischen Bruderschaft nur durch ihre Erfindungen. Und das ist eigentlich herzlich wenig, wenn man sich vorstellt, wie umfangreich die Strukturen sind, in welchen neue magische Ideen entstehen. “
Diese umfangreichen Strukturen sind meist praktische und kommerzielle Belange in der Gegenwart, während der Erfinder mit neuen Trickprinzipien Potentiale und Optionen für die Zukunft gestaltet. Auch deshalb gehen die verbreiteten Bewertungskriterien (Brauchbarkeit und Spaßfaktor) so sehr an dem eigentlichen Nutzen und Wert von Erfindungen vorbei, der größtenteils nicht in einem gegenwärtig vermarkteten Produkt liegt, sondern in dem noch unentdeckten Potenzial für künftige Anwendungen.
Für diese Zukunftsorientierung finden sich noch weitere schriftliche Belege bei LUBOR FIEDLER. In „Magische Fantasien“ (1978) auf Seite 86 beginnt er z. B. unter der Überschrift „Die Zukunftsvisionen des Gehirnzentrums der Magie“ seinen Bericht über den Entwicklungsstand einiger seiner Innovationen mit der folgenden Anregung: „Man findet in der Literatur über Magie zwar genug Stoff über Vergangenheit und Gegenwart, selten jedoch liest man etwas über Möglichkeiten der Magie in der Zukunft. Es wäre aber sicherlich ein dankbares Thema für eine wissenschaftliche Untersuchung. Ich will hier keinen solchen Beitrag leisten, dennoch werde ich einige Ideen andeuten, die im Bereich der Magie zukunftsweisend sein werden.“
Dieser Hinweis auf die Zukunft ist ganz wesentlich, weil der Nutzen und Wert von Erfindungen hauptsächlich in deren zukünftigen Anwendungsmöglichkeiten liegt und eben nur zu einem Bruchteil in den bereits erfolgten, gegenwärtig bekannten Umsetzungen. Aus dem ersten Teil dieser Serie kennen wir als Sinn und Zweck von Erfindungen das jeweilige Trickprinzip, das die Tricks ermöglicht, auf denen ein Zauberkunststück beruht. In seiner Welt von Potentialen und Optionen gestaltet der Erfinder mit jedem Trickprinzip einen Strom von neuen Möglichkeiten, und genau um diese Möglichkeiten und deren weitere Gestaltung als Möglichkeiten geht es eigentlich beim Erfinden, nicht so sehr um deren vereinzelte Umsetzung.
Trickprinzipien sind wie ein Pilz, der im Waldboden lebt und von dort aus immer wieder seine Fruchtkörper an die Oberfläche treibt. Der Laie sieht nur diese Schwammerl, aber den eigentlichen Pilz nimmt er nicht zur Kenntnis. Im vorangegangenen zweiten Teil haben wir uns mit den Herausforderungen und Grenzen des Erfindens beschäftigt. Um in unserem bildlichen Vergleich zu bleiben: Die Herausforderungen des Erfindens liegen unter anderem darin, dass Erfindungen meist genauso ausschließlich über ihre augenblickliche Anwendung wahrgenommen werden, wie wenn man von einem Pilz nur seine Fruchtkörper wahrhaben wollte. Die Grenzen des Erfindens aber liegen in den Grenzen der Ausbreitung von Möglichkeiten, und diese sind ähnlich unvorstellbar weit gesteckt, wie ein Pilz sich im Waldboden ausbreitet.
Trickprinzipien sind eigenständige Kunstwerke. Ihr wahrer Nutzen und Wert ist per definitionem wesentlich größer als jedes einzelne Kunststück, das auf Tricks beruht, die dieses Trickprinzip ermöglicht, denn der Wert eines Trickprinzips ist ja zumindest so hoch wie der Gesamtwert aller darauf beruhenden Kunststücke, einschließlich aller künftigen. Meist wird vorschnell ein Urteil nur über ein einzelnes Kunststück gefällt, ohne die Tricks gesondert zu betrachten, auf denen es beruht und ohne deren jeweiliges Trickprinzip als eigenständiges Kunstwerk zu würdigen, das sehr wahrscheinlich in Zukunft noch eine Vielzahl anderer Tricks ermöglicht. Ein Paradebeispiel für dieses Missverständnis boten der Zauberszene vor zwei Jahren die deutschen Sammler.

Lubor Fiedler wird belächelt und lacht doch zuletzt
Am 09.02.2019 erntete MICHAEL SONDERMEYER in Appelhülsen während des dortigen Sammler- und Chronistentreffens mit seinem Beitrag großen Lacherfolg, den er „Die ausgefallenen Prinzipien von Lubor Fiedler“ nannte. Ich glaube MICHAEL SONDERMEYER gut genug zu kennen, um auszuschließen, dass er sich damit unverblümt über LUBOR FIEDLER lustig machen wollte, aber bei all dem wohlfeilen Gaudium über die von ihm präsentierten ach so ausgefallenen Prinzipien schaffte er es leider nicht, seinem Fachpublikum deren eigentlichen Nutzen und Wert zu vermitteln, und man ging mit dem bestätigten Vorurteil: genial, aber unbrauchbar.
VERONIQUE FABER, offenbar selbst keine frontal vor Publikum auftretende Zauberkünstlerin, fühlte sich nach diesem Treffen in der Lage und bemüßigt, in der Magischen Welt 2/2019 auf Seite 65 ganz spezifisch zu urteilen: „Obwohl seine Kunststücke nicht immer zum Vorführen geeignet waren, da der Effekt nur von einem bestimmten Winkel zu sehen war, …“ In der Magie 8+9/2019 auf Seite 422 versuchte ANDREAS FLECKENSTEIN vergeblich sein Bestes, auch sachbezüglich trotzdem irgendwie anerkennend zu klingen: „… wurden (…) einige absolut unpraktische, dafür aber umso kuriosere Ideen vorgestellt.“ Das also kommt dabei heraus, wenn wohlmeinende Leute auf LUBOR FIEDLER einen Blick werfen, der leider um ein entscheidendes Ausmaß zu oberflächlich bleibt. Abschließend berichte ich Ihnen, was passiert, wenn die entsprechenden Leute nicht so uneingeschränkt wohlmeinend sind.
Aber zuvor muss ich zwei Dinge erläutern, ohne die Sie das Folgende nicht nachvollziehen werden können. Falls Sie sehr aufmerksam sind, ist Ihnen im ersten Teil dieser Serie vielleicht die zehnjährige Pause zwischen den beiden Tenyo-Produkten Blue Crystal (2000) und 4-D Surprise (2010) aufgefallen. Tatsächlich hat LUBOR FIEDLER zu Beginn dieses Jahrtausends ein ganzes Jahrzehnt lang rein gar nichts erfunden, da er seine vollständigen mentalen Ressourcen für den Kampf mit einer gesundheitlichen Herausforderung benötigte, die er seinen „Schicksalsschlag“ nannte. Diese Schattenseite seiner Hochbegabung, alle nur denkbaren Zusammenhänge zu assoziieren und auch abwegig erscheinende Möglichkeiten zu imaginieren, belastete ihn bereits seit früheren Jahren in Form einer schwerwiegenden seelischen Verstimmung, die mit Depressionen, Herzproblemen und Verfolgungswahn einherging und ab dem Jahr 2000 immer lebensbedrohlicher ausuferte.
Nachdem ihn die Ärzte jahrelang vergeblich behandelt und schließlich schon fast aufgegeben hatten, gelang es LUBOR FIEDLER durch schiere Willenskraft, dieses Leiden selbst zu besiegen, indem er sein vollständiges Leben in allen Einzelheiten analysierte und sich sehr hartnäckig und ausdauernd auf die positiven Aspekte konzentrierte, z. B. auf Zeiten, in denen er besonders glücklich war. Zum Zweck dieser erfolgreichen Auto-Salutogenese, die sich über insgesamt zwei Jahre erstreckte, erfand er ein eigenes mentales Hilfsmittel: seinen „wundervollen Spiegel“. Es fällt mir nicht schwer, diese Erfindung als seine wichtigste und genialste zu erachten, derentwegen ich ihm den größten Respekt entgegenbringe. „Es waren meine Lebensumstände, die mich krank machten“, erklärte er später: „und dass ich in der Lage war, das zu verstehen, half mir, meine Probleme aufzuarbeiten und meine Gesundheit wiederzuerlangen.“ (Genii, Heft 3/2014, Seite 75) – Wer zuletzt lacht, ist seines Glückes Schmied!
Wir leben bekanntlich in einer „postfaktischen“ Zeit, und die audiovisuellen Medien sind heute inhaltlich und formal derart verroht, dass es schon einer ganz bewussten Rückbesinnung bedarf, um den Skandal in der damaligen Zauberszene zu verstehen, den im Jahr 2000 die Fernsehsendung „Die Zauberfamilie“ ausgelöst hat. Obzwar man sich vor 20 Jahren generell darauf verlassen konnte, dass ein Fernsehteam die Fassade eines unbescholtenen Bürgers respektiert und ihn im Fernsehen gut aussehen lässt, wenn er sich zu einem unbezahlten Fernsehauftritt bereitfindet, gab es auch Sendungen, die es ausdrücklich und gezielt an dieser üblichen Schonung fehlen ließen, aber nur in unterhaltsam akzeptablem Ausmaß, mit viel Fingerspitzengefühl, feiner Ironie sowie tadellosem Stil. Ein Paradebeispiel hierfür war damals die Sendereihe „Am Schauplatz“, die interessante Sozialreportagen und Milieustudien bot, und eine der ersten Sendungen der Reihe war „Die Zauberfamilie“.
Diese halbstündige Reportage bietet einen groben und sehr lückenhaften Überblick über die komplexe österreichische Zauberszene, die als kuriose Parallelwelt voll schüchterner Lehrlinge, skurriler Erfinder und exzentrischer Präsidenten dargestellt wird. Allein in Wien gab es damals ein halbes Dutzend offizielle Zaubervereine, jedoch wird in der Sendung namentlich fast ausschließlich der Verein „Zauberkistl“ aufs Korn genommen und dabei dessen Präsident PETER MARES in allen – auch privaten – Einzelheiten exponiert. Zwischendurch kommt für drei Minuten als profilierter österreichischer Erfinder auch LUBOR FIEDLER ins Fadenkreuz. Er wird persönlich besonders verschroben dargestellt und sein Lager als Garage denunziert, „die bis obenhin mit Zaubertricks vollgerammelt ist. Jetzt, kurz vor der Pension, weiß er nicht mehr, wohin mit all dem Zeug.“ Lubor habe ausgesorgt, denn seine Tricks werden ja von einer großen japanischen Firma produziert und weltweit verkauft. Von den Tantiemen könne er jetzt wohl sorgenfrei leben, spekulieren die Schauplatz-Reporter und lassen gleichzeitig künstlerisch kein gutes Haar an LUBOR FIEDLER: „Solche Tricks von der Stange mögen die Massen begeistern. Wer von den richtigen Zauberern ernstgenommen werden will, muss mehr können.“
Wenn man heutige Maßstäbe anlegt, kann man kaum nachvollziehen, als wie beleidigend und unangemessen diese Reportage damals erlebt wurde und wie inkompetent im Umgang mit Medien einzelne Protagonisten erscheinen mussten, die auf eine positive Berichterstattung vertraut hatten, jedoch aufgrund der damals übertriebenen und unangemessenen Sensationsgier dieses Fernsehteams im ungünstigsten Lichte präsentiert wurden. Vor 20 Jahren war eine solche Perfidie kein Ruhmesblatt, und die Sendung fehlt bezeichnenderweise auch heute noch in manchen „Schauplatz“-Auflistungen. Im direkten Vergleich zu aktuellen Sozialreportagen müsste man allerdings der „Zauberfamilie“ eine lobenswert feine Klinge attestieren, da wenig mit direkter Hetze gearbeitet wird, sondern großteils mit einem tendenziösen Einsatz von Zitaten, und es müsste sich meiner Meinung nach aus heutiger Sicht auch niemand für solch einen Fernsehauftritt schämen.
Die Zeitgenossen empfanden es jedoch wie gesagt völlig anders. Ein Beleg dafür findet sich in der Magie 12/2000 auf Seite 451, wo sich WOLFGANG SOMMER in seiner Rubrik „Der Präsident berichtet“ aus der Ferne über die Zustände in Österreich empört: „Mitte November sah ich beim Fernsehsender SAT3, ganz zufällig einen erstklassigen Werbefilm für die Nichtmitgliedschaft in einer magischen Vereinigung (…) eine TV-Produktion aus Österreich mit dem Titel ‚Die Zauberfamilie‘. (…) Kommentar der Journalisten Heide Lackner und Ludwig Ganter: Intrigen, Zerwürfnisse und Abspaltungen sind in der Zauberszene von Österreich keine Seltenheit. Wer selber Präsident werden will, tritt einfach aus und gründet einen neuen Klub.“
Als WOLFGANG SOMMER diese Zeilen verfasste, wusste er freilich genau, dass derlei durchaus auch im MZvD vorkommt. Aber für mich ist ein ganz anderes Detail besonders interessant, das er nur so nebenbei erwähnt – nämlich, dass LUDWIG GANTNER (als Zauberkünstler bekannt unter dem Künstlernamen MECKI) ein nennenswert beteiligter Journalist war, was auch im Vor- und Abspann deutlich zu lesen ist: „… eine Reportage von Ludwig Gantner und Heidi Lackner.“ Deshalb sprach ich MECKI anlässlich des Österreichischen Magierkongresses 2008 in St. Pölten darauf an, und er erklärte mir dort, dass er mit dieser ganzen unseligen TV-Dokumentation eigentlich rein gar nichts zu tun gehabt habe. Er habe lediglich die Redaktion auf geeignete Interviewpartner aufmerksam gemacht. Das nahm ich unkommentiert zur Kenntnis und gebe es nun so an Sie weiter, damit Sie zu einer eigenen Einschätzung gelangen können.
LUDWIG GANTNER hat als ORF-Mitarbeiter vor und hinter der Kamera in verschiedenen Redaktionen alle möglichen Versuche miterlebt, Zauberkunst ins Fernsehen zu bringen. Jahre später schreibt er: „Meistens ist das nicht sehr gut geglückt. Ich kann aus Überzeugung behaupten: Die Chance, dass ein Zauberkünstler mit seiner Selbstdarstellung im Fernsehen wirklich zufrieden sein wird, ist gering.“ (Aladin 2/15, Seite 62) Ich maße mir nicht an, mit diesen Zeilen einen kausalen Zusammenhang herzustellen, sondern möchte lediglich auf den zeitlichen Zusammenhang hinweisen: Kurz nach der Ausstrahlung von „Die Zauberfamilie“ trat der Verein Zauberkistl bis heute aus dem Magischen Ring Austria aus und LUBOR FIEDLER verließ für immer seinen Wohnsitz in Österreich.
Zu Lebzeiten von LUBOR FIEDLER wurden seitens seiner Zauberkollegen leider zahlreiche Möglichkeiten versäumt, ihn als einen unserer Kostbarsten zu feiern. Die Trickprinzipien aber, die er uns eröffnet hat, bergen in alle Zukunft einen unabsehbaren Strom von kostbaren Möglichkeiten, solange wir uns an ihn erinnern.

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(Magie 10/21, Seite 504)

In illustrer Runde



Erinnerungen von Jens-Uwe Günzel

Lubor Fiedlers Name ist ein Begriff in der Zauberbranche. Unzählige fantastische Kreationen erfand und entwickelte der Phantast in seinem scheinbar unerschöpflichen Gedächtnis. Raffinierte und immer wieder verblüffende Kunststücke prägen bis heute seinen Namen.
Für die japanische Zauberkunststückmarke Tenyo war er ein phänomenales Genie im Kreieren wundervoller Kunststücke und Zauberapparate. Heute gelten diese längst als Sammlerschätze und erzielen bei Auktionen oftmals sehr hohe Preise.
Als ich im Jahre 2014 in der Oktober-Ausgabe der Magie einen Nachruf auf Lubor veröffentlichte, war es mir ein Herzensbedürfnis, an einen wunderbaren Menschen zu erinnern und diese „Erinnerungen an einen großartigen Erfinder“ wachzuhalten. Denn viel zu wenig Beachtung fand dieser außergewöhnliche Mann in der deutschen, ja europäischen Zauberszene.
Ich staunte nicht schlecht, als ich im Jahre 2000 eines Tages einen Brief von Lubor Fiedler in meiner Post vorfand. Jener Fiedler, den ich nicht nur aus so manch guter Zauberliteratur, von seinem Seminarheften und vor allem durch seine vielen hervorragenden Kreationen aus dem Hause Tenyo her kannte. Über unseren gemeinsamen Freund Fred Sylvester entstand erstmals die Kontaktaufnahme, die schließlich zu einer festen Freundschaft führte.
In diesem Brief erinnerte sich Lubor auch an viele Erlebnisse mit meinem Großonkel Kurt Soltau, der zu DDR-Zeiten ein bekanntes Zauberfachgeschäft namens Zauber-Soltau führte. Er erinnerte sich an die Besuche in meiner Geburtsstadt Annaberg-Buchholz, aber auch an die Treffen beim Internationalen Magierfestival in Karlovy Vary (Karlsbad, damals CSSR), unweit meines Heimatortes.
Er berichtete mir, wie schwer es für Lubor damals war, der bekanntlich sein Geburtsland Tschechien in Nacht und Nebel per Flucht verließ, an diesem internationalen Treffen in Karlsbad teilnehmen zu können. Denn er zählte als Staatsflüchtling und daher war man in der CSSR hinter ihm her. Erst Jahre später wurde es durch Regierungserleichterungen spürbar leichter für ihn, zu diesem bekanntem Magierkongress nach Karlsbad zu kommen.
Als ich dann 2001 in Putzing, einem kleinen Fünfhundert-Seelen-Dorf in Niederösterreich, meine österreichischen Freunde Fred und Olly (2 Sylvesters) besuchte, staunte ich nicht schlecht, als mich dort Lubor herzlich empfing, denn auch Fiedler war zum gleichen Zeitpunkt Gast der beiden gemeinsamen Freunde. Die folgenden Abende bei den Sylvesters in unserer illustren Runde waren nicht nur voller intensiver Gespräche, sondern vor allem auch von vielen Zaubervorführungen gefüllt. Besonders Lubor zeigte dabei die Leidenschaft für seine Kreationen, die in seinen Händen wie wahre Magie wirkten.
Er zeigte uns seine Schlager wie die „Gozinta Box“, die er bereits 1966 erfand, oder weitere Klassiger aus der bekannten Fiedler-Schmiede, wie die „Geteilten Herzen“, aber auch einige seiner berühmten für Tenyo erfundenen Kunststücke, z. B. Invisible Zone (1995), Impossible Pen (1997) und Neuentwicklungen, die gerade erst neu auf dem Markt waren wie Phantom Clock (1999) und Blue Crystal (2000). Dabei erzählte er auch, dass er bereits wieder an neuen Dingen arbeitete. Er sagte mir immer wieder dabei den Satz: „Wer rastet, der rostet, und ich kann mich zu Hause nicht auf mein Sofa setzen und auf den Tod warten …! Der kann noch lange warten, bis er mich holen kann, denn ich habe noch so viele gute magische Ideen im Kopf! “
Besonders interessierte er sich aber immer auch für das ihm wohlbekannte Erzgebirge, dies war wohl der Schlüssel zu unserer Freundschaft. Wir beide fühlten uns auf Anhieb nie als Fremdlinge, sondern eher verbunden – und das nicht nur magisch gesehen. Lubor hatte nur wenige, aber wenn dann waren es richtige Freunde. Viel zu oft wurde er enttäuscht und war demzufolge eher zurückhaltend beim Anknüpfen von Freundschaften. Dies bestätigte mir einst auch mein Freund Fred Sylvester, der mir damit sicherlich auch mitteilen wollte, dass ich mich geehrt fühlen könnte, von Lubor als Freund bezeichnen zu werden.
Die Zeit, die ich mit Lubor, Fred und natürlich der liebreizenden Olly verbrachte, bleibt mir bis heute unvergessen. Auch nach dem Tode unserer gemeinsamen Freunde, den 2 Sylvesters, blieb der Kontakt zu Lubor sehr intensiv bis zu seinem Tode bestehen.
Lubor Fiedlers Verdienste für und um die Zauberkunst sind einzigartig und es bedarf einer größeren Beachtung dieses großen magischen Genies und Tüftlers. Ein großer Schritt dazu ist dieses Schwerpunktheft der Magie.

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(Magie 7/21, Seite 355)

Ein Daniel Düsentrieb der Zauberkunst



Hanno Rhomberg

In meiner Rolle als Vorsitzender des MRA bin ich Franz Kaslatter dankbar für einen so persönlichen Rückblick auf das Leben eines Künstlers, der mit Österreich derart stark verbunden war. Lubor Fiedler ist selbst bei uns in Österreich eines der verkanntesten Zaubergenies. Die allgemeine Ansicht, dass man als Performer großartig sein muss, um einen großen Beitrag zur Zauberkunst zu leisten, ist völlig falsch. Zahlreiche große für die Zauberkunst wichtige Menschen waren keine gefeierten Performer, sondern auf anderen Gebieten erfolgreich: Erfinder, Historiker, Illusionsbauer oder Veranstalter haben die Zauberkunst weiter gebracht als so mancher Trickser, der unterhaltsam mit bekannten Effekten sein Publikum begeistert. Es braucht beides in der großen Familie der Zauberkunst.
Lubor Fiedler war einer der erfolgreichsten magischen Erfinder, den wir kennen. Dabei schaute er stets über den Tellerrand und hatte auch keine Scheu, einmal für den Moment nicht „kommerziell“ zu sein. Zurückblickend waren viele seiner Erfindungen aber sehr kommerziell …
Mit Lubor Fiedler verbinden mich viele Erinnerungen. Als ich 1977 zur Zauberei kam, war Lubor Fiedler ein Begriff in Österreich. Seine Kunststücke waren besonders und eigenwillig und unterschieden sich vom Einheitsbrei der Zauberangebote. In meinen Erinnerungen war er ein Daniel Düsentrieb der Zauberkunst. Ich habe ihn selten vorführen sehen, und wenn, hat es mich weniger beeindruckt, was die Unterhaltung anging. Aber die Techniken die er verwendete um zu Täuschen waren oft besser wie der Effekt. Oftmals erkannte man erst nach der Erklärung die perfekten und außergewöhnlichen Gedanken von Lubor Fiedler.
Mit zwei seiner Kunststücke verbinden mich besonders starke Erinnerungen. Ich erinnere mich an Combusto, das mein Zauberfreund Jürgen Peter und ich im Wohnzimmer testeten. Es sei irgend ein illegales gefährliches Zeug, meinte Jürgen. Ich denke, heute dürfte man diese Chemikalie gar nicht mehr verkaufen, geschweige denn verschicken. Aber damals war man noch unbekümmert und scheute sich nicht davor, schädliche Chemikalien für Zauberspäße zu verwenden. So auch Combusto: Eine Flüssigkeit die man in einem gut verschlossenen kleinen Fläschchen aufbewahrte, denn wenn man einen Tropfen bei Raumtemperatur mit Sauerstoff in Verbindung brachte, entzündete es sich innerhalb kurzer Zeit.
Jürgen und ich verwendeten es in einem von Punx ungeniert nachkopierten Effekt, um eine Kerze auf einem Klavier selbständig zum Brennen zu bringen. Dazu mussten wir die Dochte des Leuchters mit Watte einwickeln und 10 Sekunden bevor der Vorhang sich öffnete die Dochte mit Combusto beträufeln. Das musste schnell gehen, denn wenn sich der Vorhang öffnete, sah man ein Klavier mit einem Kerzenleuchter, der sich nach und nach selbst entzündete. Stimmte das Timing nicht, brannten die Kerzen bereits bevor der Vorhang offen war. Das Schöne dabei war, dass der Kerzenleuchter anschließend völlig präparationslos war und untersucht werden konnte.
Natürlich musste man genau testen, wie lange die Entzündung dauerte, und so ruinierten wir den Wohnzimmerteppich meiner Eltern, denn jeder Tropfen, der bei Proben verschüttet wurde, entflammte anschließend den Teppich – ein Albtraum! Jürgen bekam Hausverbot und wir mussten unsere weiteren Experimente heimlich machen … Dass wir beiden Lausbuben später einmal im Magischen Ring Austria in Funktionen tätig sein würden, ahnten wir damals noch nicht … (Anm. d. Red.: Jürgen Peter und Hanno Rhomberg wurden inzwischen jeweils Vorsitzender des MRA)
Der andere Effekt war der Gozinta-Würfel. Eine phantastische Täuschung, die mich von Anfang an faszinierte. Sie ist so stark, dass man ein intellektuelles Publikum benötigt, damit es den Effekt überhaupt begreift. Man denkt an eine geheime Mechanik, dabei sind beide Würfel völlig unpräpariert. Diesen Effekt gut vorzuführen ist sehr anspruchsvoll. So einfach die Vorführung technisch sein mag (manche Technikverblendete nennen so etwas fälschlicherweise Selbstgänger), umso anspruchsvoller ist es, eine geeignete Routine zu finden.
Ich habe viele Varianten dieses Effekts mit eher mäßigem Erfolg vorgeführt. Zuerst den „Driebeck Die“ von Bob Driebeek, eine Variante, bei der sich am Schluss der Würfel nochmals verwandelt. Ken Brooke, aber auch Mike Caveney, hatten dafür eine schöne Routine. Dann experimentierte ich mit der Close-up-Version von Tenyo, bastelte selbst an Würfeln, um schließlich bei „Lubor's Gift“ zu landen. Plötzlich machte die Box für mich Sinn, und ich entwickelte eine Routine für einen Vortrag über Sinnestäuschung: Ein Postpaket wird geöffnet und darin findet man eine bunte Schachtel. In der Schachtel ist dann das Requisit, mit dem man eine Täuschung zeigt. Um die Verpackung zu entsorgen, steckt man sie in die bunte Box – eine topologische Unmöglichkeit. Nach dem nächsten Effekt öffnet man wieder die Boxen, um ein neues Requisit zu finden. Als Running-Gag, bei dem jedes Mal ein Requisit in der inneren Schachtel erscheint, ist diese Routine immer mehrfach überraschend und fügt eine weitere Täuschungsebene ein.
Und so denke ich auch heute wieder bei jeder Vorführung an Lubor Fiedler, dessem genialen Geist wir diesen und viele andere Effekte verdanken. Für Außenstehende manchmal ein Spinner und Tüftler, für uns Zauberer, die Subtilitäten und Raffinesse lieben, ein Genie. Dass er Teile seines Lebens in Österreich verbrachte, macht uns heute ein wenig stolz. Lubor Fiedler lebt zwar nicht mehr, doch seine Ideen leben weiter und bringen auf der ganzen Welt Menschen seit Jahrzehnten zum Staunen. Wer kann das von seinem magischen Lebenswerk schon behaupten?

Hanno Rhomberg
Magischer Ring Austria

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(Magie 7/21, Seite 352)

Begegnungen mit Lubor Fiedler



Tony Reisner

Lubor Fiedler – ein chaotisches Genie – äußerst charmant und immer ein Lächeln auf seinen Lippen, so habe ich ihn kennen gelernt, auch wenn es ihm anfangs finanziell nicht ganz gut ging. Im Jahr 1979 tingelte er zwischen Wien und der Tschechoslowakei hin und her und wir trafen uns 5 bis 7 Mal im Jahr zwecks Tricklieferungen, und um seine neuesten Erfindungen zu besprechen. Immer hatte er neue Ideen im Gepäck, im Kopf oder manche schon halbfertig, die er mir präsentierte, es waren auch einige sehr verrückte dabei! Hauptsächlich fertigte er damals Tricks wie „Brizzly Braze“, „20 Second Change Card“ und das „Kritzelbuch“ an. Seine Besonderheiten und Top-Verkaufsschlager waren die „Flying Color Cards“, „Contact Röntgen Dice“ und die „Dosen mit Zeitzündung“. Selbst die erfahrensten und besten Zauberkünstler kamen nicht darauf, wie diese 3 Tricks funktionieren könnten, und kauften natürlich fleißig. In unseren Gesprächen erzählte er mir, dass er für die Anfertigung der „Flying Color Cards“ ca. 2 Stunden braucht, da er diese von Hand, mit einem Stanleymesser bewaffnet, herstellt.
Zwischendurch verkaufte er auf einem Marktstand in Wien (Mariahilferstraße) leicht vorzuführende Päckchentricks wie die „Wild Card“ an Laien. Dies nahmen ihm einige Wiener Zauberklubs recht übel und er war dadurch eine Zeit lang ein Außenseiter. In dieser Zeit ging es ihm auch finanziell nicht besonders gut und so belieferte er uns meist mit mehr Tricks als bestellt, damit es mehr Geld gibt. Wir bestellten z. B. 12 Stück, er kam mit 15 Stück und meinte: „Die habe ich gerade fertig! “ Unermüdlich versuchte er seine bestehenden Tricks zu verbessern.
Innerhalb von 3 bis 4 Jahren kamen verschiedene Kunststoff-Hüllen für den Würfeltrick „Contact Röntgen Dice“ heraus, bis er die schöne dunkelbraune Hülle anfertigen ließ, die war dann perfekt und er war zufrieden.
Mit seinen beiden Büchern „Magische Fantasien“ aus 1978 und „Lubor Fiedler dreht durch“ aus 1980 wurde sein Bekanntheitsgrad in der Zauberszene stark verbessert und auch unsere Kunden warteten schon immer auf neue Fiedler-Tricks. Vorher waren nur 3 Hefte von ihm auf dem Markt. Der „Automatic 2 Würfel“ (Öl-Würfel) war damals sein größter Erfolg. Er wurde immer wieder neu in Aussehen und Größe angefertigt und wird auch heute noch von vielen Händlern unter dem Namen „Die-A-Bolic“ angeboten.
Er experimentierte auch viel mit chemischen Stoffen. Die Kunststücke „Feuerblitz“, „Glimmteufel“ oder „Combusto“ waren extrem gefährlich. In der heutigen Zeit undenkbar diese anzubieten, es würde wahrscheinlich der Bomben-Entschärfungsdienst vor der Türe stehen. Damals verkauften mehrere Händler diese starken, aber riskanten Effekte, und davon eine große Anzahl. Auch ich hatte vom „Feuerblitz“ durch das Vorführen im Geschäft und auf Kongressständen einige Male etwas lädierte Fingerspitzen.
Das für mich wohl undurchschaubarste Wunder war der Trick „Bang Bill“. Ein Geldschein, auf dem ein Glas steht, wanderte ohne Bedeckung in das Glas durch einen Pistolenschuss (ohne Elektronik). Man konnte noch so genau hinsehen, man sah nichts und wunderte sich selbst, dass dies funktioniert. Lubor bastelte an diesem Tablett sehr lange herum, bis alles einwandfrei funktionierte. Der Nachteil war, dass der Pistolenknall so laut war, dass jeder stark erschreckte und bei Vorführungen am Verkaufsstand auf Kongressen so manchen Veranstalter zum Verzweifeln brachte.
Selbst wenn wir in ein Restaurant essen gingen, spielte er mit einer Zigarette herum und versuchte diese durch das grobmaschige Tischtuch zu schieben, so entstand dann der Trick „Master of Penetration“, bei dem eine Zigarette das Tischtuch durchdringt. Er war unermüdlich, wenn es darum ging, Ideen in diverse Tricks umzusetzen.
Auch auf manchen Kongressen verkaufte er selbst und wenn wir uns in der Nacht zusammensetzten, dann fertigte er während unseres Gesprächs seine Kartentricks an, die ausverkauft waren, damit er diese am nächsten Tag wieder verkaufen konnte. Manchmal schlief er nur 3 bis 4 Stunden, bis er wieder am Verkaufsstand stand.
Bei einem späteren Treffen erzählte er mir, dass er mit Japan (Fa. Tenyo) in Verhandlung ist und er nach Japan reist. Mit den Ideen, die er bei Tenyo vorstellte und die dann in großen Mengen angefertigt wurden, kam der große Durchbruch für ihn. Trotzdem wurde er weder überheblich und er hatte auch keine Starallüren.
Seine freundliche Art und sein charmantes Lächeln wird mir immer in Erinnerung bleiben und wenn der Himmel nebelig und stark wolkig ist, so denke ich manchmal, Lubor probiert da oben schon wieder etwas Neues mit Rauch aus!

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(Magie 8+9/21, Seite 436)

Wie wir den Einsatz der Wiener Feuerwehr im letzten Augenblick verhindern konnten – und dennoch aus dem Lokal „flogen“ …



Mit Lubor Fiedler verband mich eine Freundschaft, die mich nicht nur wissensmäßig, sondern auch sonst sehr bereicherte und mich einige Abenteuer und Höhepunkte in der Zauberei erleben ließ. Kennen lernte ich Lubor Fiedler 1970 in Salzburg, kurz nach meiner Aufnahmsprüfung in den dortigen Zauberklub. In meiner Salzburger Zeit besuchte ich Fiedler fast jeden Tag, und auch er besuchte mich oft und schätzte meine Einladungen bei mir zu Hause zum Mittag- oder Abendessen sehr. Er selbst hatte nur einen Raum ohne Küche und verpflegte sich meist mit Wurstsemmeln und kaltem Essen. In der Anfangszeit ging es ihm wirtschaftlich schlecht, daher half ich ihm, so gut es eben ging, ich war damals noch jung und richtete auch gerade meinen Haushalt ein. Fiedler hat immer sehr bescheiden gelebt. Gasthausbesuche finanzierte er sich mit selbstgebastelten Kartentricks, die er im Gasthaus verkaufte. Ich habe das oftmals miterlebt.
Während seiner letzten Jahre kehrte er wieder in seine Heimat der ehemaligen CSSR zurück und lebte in Brünn, von wo er seinerzeit geflüchtet war. Aber er kam alle paar Monate nach Wien, auch um sich mit neuem Material und vor allem auch Chemikalien einzudecken, und wir nutzten diese Gelegenheiten, um uns zu treffen. Er ersann ja weiterhin neue Tricks, welche er vornehmlich der Firma Tenyo in Japan anbot. Die Herausforderung dabei war, dass die Tricks neu sein mussten, aber auch kommerziell und in der Herstellung kostengünstig. Von jährlich ca. 15 neuen Ideen nahm Tenyo meistens nur eine oder zwei ab, die dann allerdings in hohen Stückzahlen produziert wurden. Fiedler sprach hier von Größenordnungen von 50.000 Stück. Fiedler erzählte mir, dass der Chef der Firma Tenyo persönlich 1x im Jahr nach Brünn reiste, um sich Fiedlers neue Ideen anzusehen und davon welche auszuwählen, die für die Produktion vorgesehen sind. Zurück in Japan wurden diese firmenintern auf Herz und Nieren geprüft, die Herstellungskosten vor allem mussten niedrig sein.
Anlässlich dieser etwa halbjährlichen Wienreisen traf sich Fiedler mit mir immer in dem selben Lokal in der Wiener Mariahilferstraße, einer sehr belebten Geschäftsstraße. Die Firma „Duran Superimbiss“ nahe der U-Bahn-Station Zieglergasse ist ein wenig einladendes Schnellimbisslokal, welches aber gut schmeckende Menüs zu günstigen Preisen anbietet, und nur auf diese günstigen Preise kam es Lubor Fiedler an. Mir ist dieses schmucklose Lokal nicht sympathisch, aber Fiedler schätzte es sehr und war nicht davon abzubringen. Er führte zu unseren Treffen immer einen Koffer und prallgefüllte Plastiktüten voller neuer Ideen mit. Auf einem Handzettel hatte er fein säuberlich die Besprechungspunkte notiert, welche er mit mir abarbeitete. Er zeigte mir der Reihe nach seine neuen Tricks anhand der mitgebrachten Prototypen im Urzustand, fragte mich nach meiner Meinung zu den Effekten bzw. nach Verbesserungsvorschlägen und machte sich Notizen. Ich kam also jeweils zu einem Zeitpunkt, bevor er diese Erfindungen Händlern zur Produktion oder zum Verkauf anbot, bereits in den Genuss dieser besonders exklusiven Vorschau.
Neben diesen Neuheiten hatte Fiedler immer noch weitere Überraschungen dabei. Jedenfalls blitzte und rauchte es zeitweise bei seinen Vorführungen, und einmal trieb er es wirklich zu arg. Fiedler wurde vom Geschäftsführer mehrmals ermahnt, das „Feuerwerk“ doch endlich einzustellen, auch ich bat Lubor darum, doch er ließ sich nicht beirren und machte fleißig weiter. Als dann noch ein Stück Stoff zu brennen begann und es fürchterlich stank, drohte der Geschäftsführer, die Poizei und die Feuerwehr zu rufen und warf uns aus dem Lokal. Wir nahmen an einem vor dem Lokal befindlichen Tisch Platz, und Fiedler machte begeistert weiter. Es sammelte sich eine größere Menschenmenge am vorbeiführenden Gehsteig, welcher die Vorführung von Fiedler sehr zu gefallen schien, weil sie begeistert applaudierten.
Nach einigen Monaten waren wir wieder in diesem Lokal, aber diesmal ohne Feuer und Drohung mit der Feuerwehr. Der Geschäftsführer war nämlich zum Glück nicht da, der sich wahrscheinlich an die beiden Herren mit dem großen Koffer und den rauchenden Zaubertricks erinnert hätte. Ich selbst erinnere mich jedenfalls auch heute noch immer wieder gerne an diese immer wieder aufregende Zeit mit Lubor Fiedler.

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(Magie 10/21, Seite 507 )

Eine „Expedition“ zu Lubor Fiedler



Reinhard Müller

An Erlebtes von vor über 50 Jahren, Ende der 60er-Jahre des letzten Jahrhunderts versuche ich, mich zu erinnern.
Schon bevor ich Lubor Fiedler persönlich in Salzburg begegnete, waren mir Kunststücke von ihm bekannt, die in der Zeitschrift Methodische Reihe Zauberkunst erschienen sind. In der „Gesellschaft für Magische Kunst Salzburg“ war zu der Zeit Lubor Fiedlers „Eine fast unmögliche Münzenwanderung“ sehr geschätzt. Wir hatten auch einen Zahnarzt im Salzburger Klub, der uns die in der Zahnbehandlung seinerzeit verwendeten Gummitücher zu diesem Kunststück besorgte. Von der Beliebtheit dieses Effektes zeugt auch ein Jahre später in der Magie erschienener Artikel „Das Gummituch“ von dem späteren Präsidenten des Klubs in Salzburg Heinz Freundt. Mich reizte zu dieser Zeit einer der verblüffenden grafischen, in der Zauberkunst beschriebenen Effekte, den ich mir bastelte: „Negativ-Postiv-Effekt“ mit dem Wort FILM.
Mit meinem Freund Otto Günther, dem damaligen Vorsitzenden der Gesellschaft für Magische Kunst Salzburg, fuhr ich hinaus auf der Moosstraße, die übrigens die längste geradlinig verlaufende Straße im Land Salzburg ist, in Richtung Untersberg. Weit draußen führte ein kurzer Feldweg zu einem Nebengebäude eines Gehöfts mit der Hausnummer Nr. 158, in dessen 1. Stock Lubor Fiedler sein bescheidenes Zuhause hatte. Der Salzburger Flugplatz war direkt in Sichtweite. Auch dies hatte eine Bedeutung für Lubor. Das Thema Fliegen erweckt in mir zwei Erinnerungen:
Einmal an Lubors 2011 von Tenyo vermarktetes Kunststück „Flying Carpet – Fliegender Teppich“. Ein Effekt, den ich als ein Symbol deute für seine späteren Exkursionen nach England und in die USA und damit verbundenen Erlebnisse und schließlich auch für seine Heimkehr nach Brünn.
Dann erinnere ich mich an Gespräche, die Lubors Faible für das Fliegen verrieten. Inwieweit er hier in Salzburg die kostspieligen Möglichkeiten, z. B. als Flugpassagier, nutzte, daran kann ich mich nicht mehr genau erinnern. Ende der 60er-Jahre des 20. Jahrhunderts gab es noch nicht das Paragleiten, das später Lubor in Spittal, Kärnten leidenschaftlich verwirklichten konnte. Jedenfalls zu jenen Zeiten in Salzburg war er in Geldverlegenheiten.
So gelangte ich auch in den Besitz eines teuren Fiedler Unikats, das er in seiner tschechischen Fernsehschau verwendet hatte. Es ist ein „Spielkarten-Automat“, der zeitgesteuert Spielkarten aus sich herausschießt, nicht elektronisch, sondern „klassisch“ mit elektrischen und mechanischen Mitteln (siehe Abbildungen!).
Nachdem ich in dem Sonderheft „Kreis der mährischen Zauberer Brünn“ die Vorstellung der Klubs und seiner Mitglieder gelesen habe, kann ich mir auch erläutern, wie dieser Kartenautomat entstanden ist.
Zitat: „Manche Mitglieder, die vielseitige Künstler und Fachleute mit reichen Erfahrungen sind, helfen und beraten die anderen. Mechaniker, Elektriker, Chemiker und Fotografen, bringen in gemeinschaftlicher Arbeit viel fertig und es gibt wohl keine magischen Requisiten, die sie nicht herstellen könnten.“
Auch in einer Abbildung seines Lebenslaufes in einer ausführlichen Biografie von Dustin Stinett in der amerikanischen Zeitschrift GENII entdeckte ich diesen Apparat.
Sechs übereinandergestapelte Karten können der Reihe nach in einem einstellbaren zeitlichen Abstand aus dem Apparat hervorschießen. Der Apparat konnte auch über eine Leitung ferngesteuert werden. So kann dieses Gerät zum Grundeffekt des Produzierens gezogener, oder gedachter Karten verwendet werden. Auf dem Bild oben liegt rechts neben dem Apparat ein schwarzes Kabel mit einem Fake-„Messfühler“ an einem Ende, verwendbar als „Gedankenübertragungs“-Hilfe: „Gedanken des Zuschauers schießen heraus“.
Lubor besaß noch ein zweites Unikat, das ein Zauberfreund aus dem Salzburger Klub erstand. Soweit ich mich erinnere, war es ein großer (!) roter Würfel, der gewürfelte Augenzahl anzeigen konnte. Eigentlich auch auffällig und bemerkenswert ist die Beobachtung, dass Lubor viele Kunststücke mit Würfeln erdachte. Werry vermarktete 1965 „Lubor Fiedlers Würfelvorhersage“ mit dem unter Deckung auf einer Ecke stehenden Würfel. Wir sahen bei ihm auch den Würfel mit veränderlichen Schwerpunkt, wie wir ihn bezeichneten, heute unter „Die-A-Bolic“ bekannt, oder auch den Würfel ohne Points, die aber unter anderem Blickwinkel erscheinen („Dice-Shoker“).
Ich schätzte an Lubor, wie präzise er mit Kunststoffen, Klebung von Gummituch-Scharnieren (Klappkarte mit chemischem(!) Zeitauslöser) umgehen konnte und sie in Zauberutensilien zu verwandeln verstand. Ich bin kein Fachmann von Verpackungen, so staune ich auch über die „Ummantelung“ seines „Spielwürfel Automat“ (mit veränderlichem Schwerpunkt) aus zwei zu einander symmetrischen, zusammengesetzten Teilen, die aus einem rechten Winkel mit angesetztem gleichseitigen Dreieck bestehen. Lubor verwendete hier wie bei allen in dieser Zeit hergestellten Utensilien das blaue Plastik-Grundmaterial, aus dem er z. B. auch den Lubor-Würfel produzierte.
Hier bewunderten wir auch das erste Mal den in einer genau passenden Schachtel verpackten Würfel, in den Lubor andererseits die Schachtel stopfen konnte. Ich erinnere mich noch genau, wie er uns, Otto Günter und mich, fragte, welchen Namen er diesem Kunststück geben könnte. Wir haben ihm den im Deutschen und übersetzt ins Englische viel verwendeten Namen „Lubor Würfel“ vorgeschlagen! Edwin Hooper, Eigentümer der Supreme Magic Company in Bideford, England, kaufte 1970 die Rechte und vermarktete ihn als „Lubor Die“. Jeffry Atkins aus Southamton, England, führte 1971 auf einem englischen Kongress den Namen „Gozinta Boxes„ ein, unter dem der Effekt weltweit bekannt wurde. „Parabox“ ist eine 1993 von Tenyo, Japan herausgebrachte Close-Up-Version.
Betrachte ich Lubors kreatives Denken vor dem Hintergrund der geschichtlichen Entwicklung der Zauberkunst, so verlief es nach klassischen Vorlagen auf heute bezogen. Schauen Sie einmal in „Zauber“-Bücher des 19. und 18. Jahrhunderts, so finden Sie „Experimente und Zaubereien mit Chemie, Elektrizität, Mechanik, Hydraulik, Akustik und Optik“.
Auch erinnere ich mich noch an eine, seine Wendigkeit zeigende Kuriosität im Zusammenhang mit Lubor 1970 am FISM-Kongress in Amsterdam, wo er mit seinem Lubor-Würfel in der Sparte Erfindungen teilnahm, leider ohne Erfolg. Ohne einen Verkaufsstand erworben zu haben, verkaufte Lubor seine Kreationen und wurde des Kongresses verwiesen. Er gab aber nicht auf und bot seine Utensilien im Freien vor dem Kongressgebäude RAI-Gebouw weiter an.
Mit einer weiteren Seltsamkeit schließe ich meine sicherlich fragmentarischen Erinnerungen an Lubor Fiedler. Ich habe ein passendes Anagramm von „Lubor Fiedler“ gefunden: „Loblieder Ruf„, und dieser Ruf wurde erhört. Nur ein Beispiel sei hier angeführt: Ich finde, dass man mit Recht Lubor Fiedler in den exklusiven Kreis englischsprachiger Persönlichkeiten einreihte, wie Terri Rogers, Robert Neale, Stewart James, Bob Hummer und Jerry Andrus, die mit einer besonderen Gabe aus bewährten Denkmustern ausbrechen konnten und mit jenen Ideen unglaubliche Zauberkunststücke entwickelten.

Reinhard Müller 25.04.2021